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8 Prophylaxe und Therapie von Infektionen: Risikofaktoren, Definitionen, Ursachen

Autor/en: H. Link
Letzte Änderung: 25.01.2006

Neutropenie als Risikofaktor für eine Infektion: Das Risiko der Infektion wird entscheidend durch Ausmaß und Dauer der Neutropenie bedingt.

Risikogruppen: Die Risikozuordnung für den Verlauf einer Infektion nach der erwarteten Gesamtdauer der Neutropenie ist den Tabellen 8.1 und 8.2 zu entnehmen.

Tab. 8.1: Ausmaß und Dauer der Neutropenie und Kategorien des Infektionsrisikos

Neutropenie (Granulozytopenie)

Konzentration der neutrophilen Granulozyten (Segment- und Stabkernige) von <500/µl oder von <1000/µl mit erwartetem Abfall auf <500/µl innerhalb der nächsten 2 Tage

Risikozuordnung für den Verlauf der Infektion nach der zu erwartenden Gesamtdauer der Neutropenie

Niedrigrisikopatient: Neutropeniedauer von <5 Tagen ohne einen der in Tab. 8.2 aufgeführten Parameter für eine höhere Risikogruppe

Standardrisikopatient: Neutropeniedauer von 6-9 Tagen

Hochrisikopatient: Neutropeniedauer von >/= 10 Tagen

Tab. 8.2: Niedrigrisikogruppen - Ein-/Ausschlusskriterien für orale und ambulante Therapie

Neutropeniedauer

insgesamt max. 5 Tage zu erwarten

Allgemein

keine Hinweise auf ZNS-Infektion, schwere Pneumonie, Katheterinfektion

ECOG-Performance-Score: 0, 1, 2 (3)

keine Zeichen von Sepsis oder Schock

keine der folgenden Kontraindikationen durch Begleiterkrankungen:

  • ausgeprägte abdominelle Beschwerden (Diarrhöen)
  • Notwendigkeit der i.v. Supportivtherapie (z.B. Ernährung)
  • Dehydratation
  • rezidivierendes Erbrechen
  • Notwendigkeit der ständigen oder engmaschigen Überwachung (z.B. entgleister Diabetes mellitus, Hyperkalzämie)

Orale Antibiotika

keine Chinolonprophylaxe/-therapie innerhalb der vorangegangenen 4 (-7) Tage

orale Medikation medizinisch vertretbar

Compliance mit oraler Medikation zu erwarten

Die MASCC (Multinational Association for Supportive Care in Cancer) entwickelte einen Risiko-Index an unausgewählten, konsekutiven Patienten mit febriler Neutropenie, nach dem Niedrigrisikopatienten so definiert wurden, dass sie unter antibiotischer Therapie entfieberten, ohne eine der folgenden Komplikationen zu entwickeln [Klastersky J 2000]:

  • Blutdruckabfall auf <90 mmHg systolisch oder blutdruckstabilisierende Therapie
  • Ateminsuffizienz: paO2 von <60 mmHg bei Raumluft oder Notwendigkeit der mechanischen Beatmung
  • Verlegung auf eine Intensivstation
  • disseminierte intravasale Koagulation (DIC)
  • Verwirrtheitszustand oder veränderter Mentalstatus
  • behandlungsbedürftige Herzinsuffizienz
  • transfusionsbedürftige Blutungsneigung
  • behandlungsbedürftige Arrhythmie oder EKG-Veränderungen
  • diagnose- oder therapiebedürftige Niereninsuffizienz
  • andere schwerwiegende Komplikation nach Beurteilung des Untersuchers (außer dokumentierter Infektion)

Die multivariate Analyse ergab aus sehr vielen untersuchten Faktoren die folgenden Risikofaktoren, die nach einem Punktesystem gewichtet wurden, wobei eine höhere Punktzahl für ein geringes Risiko stand:

  • Schweregrad der aktuellen Erkrankung einschließlich des Fiebers gering: 5 (Punkte nicht kumulierbar)
  • keine Hypotonie: 5
  • keine chronische obstruktive Lungenerkrankung: 4
  • solider Tumor oder keine frühere Pilzinfektion: 4
  • keine Dehydratation: 3
  • wenige Symptome der aktuellen Erkrankung: 3 (Punkte nicht kumulierbar)
  • ambulanter Patient: 3
  • Alter von <60 Jahren: 2

Patienten mit 21 und mehr Punkten in diesem MASCC-Index konnten gut der Niedrigrisikogruppe zugeordnet werden. Der positive prädiktive Wert betrug 91%, die Spezifität 68% und die Sensitivität 71%. Die oft als Risikofaktor verwendete verbleibende Dauer der Neutropenie konnte in dem vorliegenden Modell aufgrund schlechter Korrelation zur tatsächlichen Neutropeniedauer nicht verwendet werden.

Für den Verlauf der Infektion gelten teilweise andere Risikofaktoren.

Literaturreferenzen:

  • Klastersky J, Paesmans M, Rubenstein EB, Boyer M, Elting L, Feld R, Gallagher J, Herrstedt J, Rapoport B, Rolston K, Talcott J.
    The Multinational Association for Supportive Care in Cancer risk index: A multinational scoring system for identifying low-risk febrile neutropenic cancer patients.
    Journal of Clinical Oncology 2000;18:3038-3051. PM:0010944139
    [Medline]


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