Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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5.3 Schmerztherapie bei Tumorerkrankungen: Diagnostik

Autor/en: M. Kloke
Letzte Änderung: 25.01.2006

Schmerzen sind ein nur durch die Wahrnehmung des Individuums erfassbares Symptom. Somit gilt, dass eine Selbsterfassung immer der Vorzug gegenüber einer Fremderfassung zu geben ist. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass verbale und nonverbale Schmerzäußerungen gleichermaßen registriert und interpretiert werden müssen. Besondere Probleme ergeben sich im Umgang mit kognitiv eingeschränkten Patienten. Trotzdem ist der Dreh- und Angelpunkt jeder Schmerztherapie die exakte Schmerzanamnese, die durch eine sorgfältige klinische Untersuchung einschließlich einer zumindest orientierenden neurologischen Befunderhebung sowie ggf. Funktionstests ergänzt wird. Minimalfragen zur Schmerzdiagnose sind in Tabelle 5.1, solche mit Relevanz für die Therapieplanung in Tabelle 5.2 erfasst. Eindimensionale Instrumente zur Schmerzintensitätsmessung sind Abbildung 5.1 zu entnehmen.

Tab. 5.1: Minimalfragen zur Schmerzdiagnose

Aspekte

Beispiele

Lokalisation

Wo schmerzt es? (bei zwei Drittel der Patienten Angabe von mehr als einer Lokalisation)

Intensität

Wie stark ist der Schmerz? (verbale oder numerische Rating-Skala, visuelle Analogskala)

Rhythmik

Gibt es tageszeitliche Schwankungen?

Charakter

Wie ist der Schmerz?

Triggermechanismen

Was bessert, was verstärkt den Schmerz?

Tab. 5.2: Fragen mit Relevanz für die Therapieplanung

  • Welche physischen oder psychischen Symptome bestehen zusätzlich?
  • Welche Begleiterkrankungen oder Organfunktionseinbußen (z.B. Leberinsuffizienz bei Metastasenleber, Nierenversagen, Knochenmarkinfiltration/-suppression) liegen dauerhaft oder intermittierend vor?
  • Welche Bedeutung hat der Schmerz für den Patienten in seinem Alltag? Was kann er aufgrund der Schmerzen/der Schmerzbehandlung nicht mehr machen?
  • Wie sind die aktuellen psychischen, sozialen und spirituellen Ressourcen des Patienten, um sich mit den Schmerzen/der Erkrankung auseinandersetzen zu können?
  • Liegen negative Prädiktoren für das Gelingen einer Schmerztherapie vor, wie Durchbruchschmerzen, vorausgegangene oder aktuelle Suchterkrankung, neuropathischer Schmerztyp, raschester Dosisanstieg der Opioidmedikation ohne adäquates organisches Korrelat, ungelöste psychosoziale Konflikte (Edmonton Cancer Pain Staging)?
Supportivtherapie_5_5_1_8_Abb05-1.gif

Abb. 5.1: Eindimensionale Instrumente der Schmerzintensitätsmessung

Sind diese Fragen beantwortet, so wird ein inhaltlich und zeitlich gestaffeltes Therapiekonzept erstellt (s. Abb. 5.2). Die im Vorfeld zu klärenden Fragen sind in Tabelle 5.3 dargestellt.

Supportivtherapie_5_5_1_8_Abb05-2.gif

Abb. 5.2: Beispiel Schmerztherapieplan: Patient mit ossär und hepatisch metastasiertem Kolonkarzinom. Somatische Schmerzen im Bereich der LWK-Metastasen mit gelegentlichen bewegungsabhängigen Durchbruchschmerzen (Bedarfsmedikation) sowie viszeralen Schmerzen, bedingt durch die Leberkapselspannung (Metamizol).

Tab. 5.3: Fragen vor Beginn einer Schmerztherapie

  • Was ist das größte Bedürfnis des Patienten (z.B. nicht schmerzbedingt gestörter Nachtschlaf, schmerzarmes Sitzen/Stehen/Liegen/Schlucken, schmerzarme Defäkation)?
  • Gibt es spezifische Therapien, die eine langfristige Analgesie bei zumutbarer Toxizität erlauben (Radiatio, Operation, Radionuklid-, Chemo- oder Hormontherapie)?
  • Gibt es nicht medikamentöse Verfahren, die zur Schmerzlinderung beitragen können (Orthesen, Prothesen, optimierte Lagerungsbedingungen, Lymphdrainage, physikalische Therapie, Wund-/Dekubitusbehandlung)?
  • Ist eine intensivierte psychosoziale und/oder spirituelle Begleitung erforderlich, und wie ist sie organisierbar?
  • Welche erkrankungsbedingten Komplikationen und/oder Nebenwirkungen sind wahrscheinlich und müssen vorausdenkend mit eingeplant werden (z.B. Schluckunfähigkeit, Koma, Hyperkalzämie, Obstipation bis zur nicht operablen enteralen Obstruktion)?
  • Was ist der optimale Applikationsweg oder die optimale Zubereitungsform für diesen Patienten?
  • Wie viele Medikamente/Einnahmezeiten sind für den Patienten (noch) zumutbar?
  • Ist die Medikamenteneinnahme/-gabe durch den Patienten allein möglich oder braucht er professionelle Hilfe (Beispiel: Blisterpackungen, Schutzfolien bei transdermalen Systemen oder viele Kinderverschlüsse sind für Patienten mit einer schweren Polyneuropathie nicht handhabbar)?
Bei ONKODIN publiziert in Kooperation mit "Deutscher Ärzte-Verlag"
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