Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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24 Osteoporose in der Onkologie: Tumorinduzierte Osteoporose

Autor/en: R. Bartl
Letzte Änderung: 25.01.2006

Maligne Erkrankungen der Hämatopoese führen je nach vorherrschendem proliferativem Zellsystem und Wachstumsmuster auch zu unterschiedlichen Knochenreaktionen. Die Häufigkeiten osteoporotischer Veränderungen im Röntgenbild bzw. in der Knochenmarkbiopsie sind in Tabelle 24.2 zusammengestellt.

Tab. 24.2: Knochenveränderungen bei hämatologischen Neoplasien (eigene Ergebnisse)

Parameter

Einheit

PCV*

CML**

AL***

NHL****

M. Hodgkin

MM*****

Patienten

n

210

190

200

510

85

300

Röntgenuntersuchung des Skeletts

Knochen normal

%

72

69

89

72

84

22

Knochen porotisch

%

22

27

3

23

10

34

Knochen lytisch

%

2

4

6

4

4

14

Knochen sklerotisch

%

4

0

2

1

2

2

Knochenbiopsie

Knochenstruktur normal

%

69

60

63

65

72

52

Knochenstruktur porotisch

%

27

37

23

28

19

44

Knochenstruktur sklerotisch

%

4

3

4

7

9

4

Knochenumbau gesteigert

%

15

8

3

4

53

80

* PCV: Polycythaemia vera
** CML: Chronische myeloische Leukämie
*** AL: Akute Leukämien
**** NHL: Non-Hodgkin-Lymphome
*****MM: Multiples Myelom

Akute Leukämien zeigen beim Erwachsenen relativ selten Knochenanomalien (<10% der Fälle). Im weiteren Verlauf wurden osteolytische/osteosklerotische Läsionen sowie systemische Osteopenien als Folge von ausgedehnten Marknekrosen und Immobilität beobachtet.

Myeloproliferative Erkrankungen zeigen bei ungefähr einem Drittel der Patienten Zeichen einer Osteoporose in der Knochenmarkbiopsie. Betroffen sind v.a. Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie oder Polycythaemia vera. Das Auftreten osteosklerotischer Veränderungen spricht für den Übergang in eine Osteomyelosklerose.

Maligne Lymphome zeigen je nach Ausbreitungsmuster im Knochenmark extrem unterschiedliche Häufigkeiten osteoporotischer Veränderungen. Osteopenische Knochenreaktionen haben sich v.a. bei primär systemischen Formen gezeigt: bei chronisch lymphatischer Leukämie zu 99%, bei Haarzellleukämie zu 95%, bei M. Waldenström zu 85%. Osteoporotische Werte finden sich v.a. im weiteren Verlauf, insbesondere unter chronischem Einsatz von Glukokortikoiden.

Das multiple Myelom (MM) mit fast ausschließlichem Befall des Knochenmarks nimmt osteologisch eine Sonderrolle ein. Es ist nicht allein eine maligne Erkrankung des Knochenmarks, es ist auch eine generalisierte Knochenkrankheit mit folgenschwerer Skelettdestruktion. Zum Zeitpunkt der Diagnose fanden wir folgende knochenspezifische Befunde und Symptome:

  • Knochenschmerz: 55%
  • Osteolysen: 45%
  • Osteoporose: 40%
  • Spontanfrakturen: 18%
  • Hyperkalzämie: 16%

Eine systematische Röntgenuntersuchung des Stammskeletts ist für die initiale Diagnose wie auch für die Verlaufsbeurteilung obligat. Am häufigsten sind Schädel, Brust- und Lendenwirbelsäule befallen, gefolgt von anderen Skelettanteilen mit Blut bildendem Knochenmark. Die Struktur der Knochenläsion wird vom zugrunde liegendem Wachstumstyp des MM bestimmt: Der noduläre Typ korreliert mit Osteolysen, der interstitiellen Typ mit einer generalisierten Osteopenie. Nur bei <3% der Myelompatienten wird eine Osteosklerose beobachtet.
Für die Knochendichtebestimmung ist die DXA-Methode obligat.

Die zweite große Gruppe maligner Erkrankungen, die den Knochen systemisch schädigen, sind die osteotropen Karzinome mit häufiger Knochenmetastasierung, insbesondere das Mamma- und das Prostatakarzinom.

Das Mammakarzinom ist der häufigste Tumor der Frau und befällt jede zehnte Frau, bei einer Letalität von 30% und einer Rate der ossären Metastasierung im fortgeschrittenen Stadium von 85%. Haupttodesursache sind Fernmetastasen, wobei das Skelett (>80%), die Leber (60%) und die Lunge (60%) am häufigsten eine Metastasierung aufweisen. Es wird geschätzt, dass jährlich etwa 22.000 Patientinnen mit metastasiertem Mammakarzinom in Deutschland wegen Knochenmetastasen behandelt werden müssen. Bei einem Drittel der Patientinnen mit Metastasierung treten zuerst Knochenmetastasen mit folgenden Befunden auf:

  • Knochenschmerz: 60-80%
  • Osteoporose: 40-50%, zunehmend!
  • pathologische Frakturen: 10-30%
  • Hyperkalzämie: 10-30%
  • Verdrängungsmyelopathie: 20%
  • Rückenmarkkompression: 10%

Im Rahmen der Prävention einer Osteoporose sollte bei allen Patientinnen mit Mammakarzinom zum Zeitpunkt der Diagnosestellung eine DXA-Messung der Lendenwirbelsäule und der Hüfte durchgeführt werden. Damit kann in späteren Verlaufsmessungen die Progredienz eines Knochenschwunds genau festgestellt werden. Effektive Medikamente können so noch vor Auftreten von Frakturen zum Einsatz kommen.

Das Prostatakarzinom ist der häufigste bösartige Tumor des Mannes. Ungefähr 20% der Patienten haben bei Diagnosestellung bereits systemische Metastasen und sind einer kurativen Therapie nicht mehr zugänglich. Im Vordergrund stehen ossäre Metastasen mit Symptomen wie Knochenschmerz, spinale Kompression, Anämie und andere Zytopenien. Während beim multiplen Myelom und beim Mammakarzinom die osteolytischen Läsionen dominieren, stehen beim Prostatakarzinom die osteoplastischen, dieKnochenbildung anregenden Reaktionen und der Knochenschmerz im Vordergrund. Verantwortlich für die osteoblastische Knochenreaktion beim Prostatakarzinom sind eine Reihe von Mediatoren, in der Gesamtbilanz mit Überwiegen des durch Osteoblasten vermittelten "osteoblastischen" Knochenanbaus. Ein Argument für eine frühzeitige Bisphosphonattherapie beim Prostatakarzinom ist insbesondere das hohe Osteoporoserisiko bei therapieinduziertem Hypogonadismus.

Bei ONKODIN publiziert in Kooperation mit "Deutscher Ärzte-Verlag"
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