Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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Randomisierte Studie zur Langzeit-Sekundärprophylaxe mit dem niedermolekularen Heparin Tinzaparin im Vergleich zu Warfarin bei Tumorpatienten mit akuten venösen Thromboembolien - die CATCH-Studie

Titel des Originals:

A Randomized Trial of Long-Term Tinzaparin, a Low Molecular Weight Heparin (LMWH), Versus Warfarin for Treatment of Acute Venous Thromboembolism (VTE) in Cancer Patients - the CATCH Study

Abstract-Nr.:

LBA2 *Highlight*

Jahr:

2014

Original im Internet:

Blood (ASH Annual Meeting Abstracts) 2014 124: Abstract LBA2

Autor/en:

Agnes Y.Y. Lee, MD1, Pieter W. Kamphuisen, MD, PhD2, Guy Meyer, MD3, Rupert Bauersachs, MD4, Mette S. Janas, MD, PhD5, Mikala F Jarner, MSc5 and Alok A. Khorana, MD on behalf of the CATCH-investigators6

Institution/en:

1Division of Hematology, University of British Columbia and Vancouver Coastal Health, Vancouver, BC, Canada; 2Department of Vascular Medicine, University Medical Center Groningen, Groningen, Netherlands; 3Respiratory Unit, Georges Pompidou European Hospital, Paris, France; 4Department of Vascular Medicine, Darmstadt Hospital, Darmstadt, Germany; 5LEO Pharma, Ballerup, Denmark; 6Taussig Cancer Institute, Cleveland Clinic Foundation, Cleveland, OH

Zusammenfassung des Berichts

Bei Tumorpatienten mit Thromboembolien senkt die Sekundärprophylaxe mit Tinzaparin über 6 Monate das Rezidivrisiko erneuter symptomatischer Thromboembolien im Vergleich zu Warfarin. Auch klinisch relevante, aber nicht schwere Blutungen waren signifikant seltener.

Bericht über die Inhalte der Studie

Begründung, Rationale

Tumorpatienten haben ein erhöhtes Risiko, nach einer ersten Thromboembolie ein zweites Rezidiv zu entwickeln. Außerdem werden bei Tumorpatienten im Gegensatz zu Nicht-Tumorpatienten niedermolekulare Heparine anstelle von Vitamin-K-Antagonisten zur Sekundärprophylaxe empfohlen, weil sie das Rezidivrisiko wirksamer senken. Diese Empfehlung basiert jedoch im Wesentlichen auf einer einzigen, mehr als 10 Jahre alten Studie (CLOT-Studie, [Lee AY 2003] ). Trotz dieser Empfehlung erhalten auch heute viele Tumorpatienten immer noch Vitamin-K-Antagonisten zur Sekundärprophylaxe nach venöser Thromboembolie. Es sollte deshalb durch eine neue Studie geprüft werden, ob die bisherige Empfehlung für niedermolekulare Heparine aufrechterhalten werden kann.

Fragestellung der Studie

Die primäre Fragestellung war die Prüfung der Wirksamkeit und Sicherheit von Tinzaparin zur Verhinderung von Rezidiv-Thromboembolien bei Patienten mit aktiver Krebserkrankung und stattgehabter proximaler venöser Thrombose bzw. Embolie.

Art der Studie

Unverblindete, multizentrische Phase-III-Studie

Behandlung, Protokolle, Durchführung bzw. Methode

Die Patienten erhielten:

  • 175 IU/kg Tinzaparin 1x tgl. s.c. für 6 Monate oder
  • 175 IU/kg Tinzaparin 1x tgl. s.c. für 5-10 Tage und wurden dann überlappend auf Warfarin mit einer Ziel-INR von 2,0-3,0 für die restlichen 6 Monate umgestellt.

Alle Patienten wurden 6 Monate lang (oder bis zum Tod)  kontrolliert.

Der primäre Parameter für die Wirksamkeit war das Auftreten von Rezidiv-Thromboembolien, definiert als symptomatische venöse Thrombose und/oder Lungenembolie, inzidentelle, asymptomatische proximale Thrombose und/oder Lungenembolie und tödliche Lungenembolie. Der primäre Sicherheitsparameter war das Auftreten schwerer Blutungen.

Ergebnisse, Toxizität

900 Patienten wurden von 165 Zentren in 32 Ländern eingeschlossen. 449 erhielten Tinzaparin, 451 Warfarin. Das mittlere Alter der Patienten war 59 Jahre (18-89 Jahre), 59% waren Frauen, 77% hatten einen ECOG-Status von 0-1, 23% von 2. Die Tumoren waren zu 23% gynäkologisch, 13% kolorektal, 12% Bronchialkarzinom, 9% Mammakarzinom und 10% der Patienten hatten hämatologische Neoplasien. Zum Zeitpunkt des Einschlusses in die Studie waren 55% der Tumoren bereits metastasiert und 44% der Patienten hatten bereits eine Chemotherapie, Operation oder Bestrahlung erhalten.

Im Warfarin-Arm waren nur 47% der Messungen im therapeutischen Bereich.

  • In den 6 Monaten der Studie entwickelten 6,9% der Tinzaparin-Patienten und 10% der Warfarin-Patienten eine Rezidiv-Thromboembolie (Hazard-Ratio (HR) 0,65; 95% Konfidenzintervall (KI) 0,41-1,03; p=0,07).
  • 2,7% der Tinzaparin-Patienten entwickelten symptomatische, venöse Thrombosen und 5,3% der Warfarin-Patienten (HR 0,48; 95% KI 0,24-0,96; p=0,04).
  • 3 Tinzaparin-Patienten und 2 Warfarin-Patienten entwickelten symptomatische, nicht-tödliche Lungenembolien.
  • 17 Tinzaparin-Patienten und 17 Warfarin-Patienten entwickelten symptomatische, nicht tödliche Lungenembolien (HR 0,96; 95% KI 0,49-1,88; p=0,90).
  • Es gab keine Unterschiede im Auftreten schwerer Blutungen: n=13 (2,9%) im Tinzaparin-Arm and 12 (2,7%) im Warfarin-Arm.
  • Klinisch relevante, nicht schwere Blutungen waren mit Tinzaparin jedoch signifikant seltener: 50 (11%) mit Tinzaparin und 73 (16%) mit Warfarin, p=0,03.
  • Die 6-Monats-Überlebensraten waren mit 59% und 60% in beiden Gruppen nicht unterschiedlich.

Schlussfolgerung der Autoren aus der Publikation

Bei Tumorpatienten mit symptomatischen Thromboembolien senkt die Sekundärprophylaxe mit Tinzaparin über 6 Monate das Rezidivrisiko im Vergleich zu Warfarin. Die Unterschiede bei symptomatischen Rezidivthrombosen und klinisch relevanten, aber nicht schweren Blutungen waren auch statistisch signifikant besser für Tinzaparin. Schwere Blutungen und Gesamtmortalität waren nicht unterschiedlich.

Kommentar / Beurteilung

Dies ist die größte Studie zu der Fragestellung der Rezidivprophylaxe nach tumorassoziierten Thromboembolien. Sie ist grösser als die CLOT-Studie.

Leider verfehlt die Studie knapp das Signifikanzniveau beim primären Wirksamkeitsparameter (symptomatische venöse Thrombose und/oder Lungenembolie, asymptomatische inzidentelle proximale Thrombose und/oder Lungenembolie und tödliche Lungenembolie). Bei den symptomatischen venösen Thrombosen wird jedoch das Signifikanzniveau erreicht. Auch bei den nicht schweren, klinisch relevanten Blutungen wird das Signifikanzniveau erreicht.

Die hohe Mortalität (ca. 40% bis zum 6. Monat) belegt, dass diese Studie ein typisches onkologisches Patientengut ein- und "schlechte" Patienten nicht ausgeschlossen hat. In der Diskussion wurde zusätzlich mitgeteilt, dass 52% der Patienten trotz Antikoagulation weiter ihre tumorspezifische Therapie erhielten. Das Patientengut in dieser Studie unterscheidet sich damit grundlegend von den Tumorpatienten, die in den bisherigen Studien zu den neuen Non-Vitamin-K-Antikoagulanzien (NOAC) mehr oder weniger zufällig mit eingeschlossen waren, was die Ergebnisse dieser Studie besonders wertvoll macht.

44% der Patienten kamen aus Asien. Asiaten haben bekanntermaßen ein geringeres Risiko für primäre venöse Thromboembolien. Diese Studie zeigt aber auch, dass asiatische Patienten mit Tumorerkrankungen ein gleiches Rezidivrisiko haben wie Kaukasier.

Die Präsentation zeigte aktuell nur die Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit. Weitere Auswertungen bzgl. Compliance, Lebensqualität, Auftreten postthrombotischer Veränderungen, Kosten sind geplant.


Autor des Berichts:

Prof. Dr. med. A. Matzdorff

Institution:

Klinik für Hämatologie und Onkologie, Caritasklinik St. Theresia, Rheinstraße 2, 66113 Saarbrücken

Letzte Änderung:

11.12.2014


Ergänzende Literaturreferenz/en:

  • Lee AY, Levine MN, Baker RI, Bowden C, Kakkar AK, Prins M, Rickles FR, Julian JA, Haley S, Kovacs MJ, Gent M; Randomized Comparison of Low-Molecular-Weight Heparin versus Oral Anticoagulant Therapy for the Prevention of Recurrent Venous Thromboembolism in Patients with Cancer (CLOT) Investigators.
    Low-molecular-weight heparin versus a coumarin for the prevention of recurrent venous thromboembolism in patients with cancer.
    N Engl J Med. 2003 Jul 10;349(2):146-53. PMID:12853587
    [Medline]