Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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Randomisierte "Intergroup"-Studie zur Wirksamkeit von Rituximab versus Beobachtung bei Patienten mit asymptomatischem follikulären Lymphom im Stadium II, III und IV ohne Tumorbulk (Grad 1, 2 und 3a): eine präliminäre Analyse

Titel des Originals:

An Intergroup Randomised Trial of Rituximab Versus a Watch and Wait Strategy In Patients with Stage II, III, IV, Asymptomatic, Non-Bulky Follicular Lymphoma (Grades 1, 2 and 3a). A Preliminary Analysis

Abstract-Nr.:

6

Jahr:

2010

Original im Internet:

Blood (ASH Annual Meeting Abstracts) 2010 116: Abstract 6

Autor/en:

Kirit M Ardeshna, Wendi Qian*,2, Paul Smith*,3, June Warden*,3, Lindsay Stevens*,3, Christopher FE Pocock, MD, PhD*,4, Fiona Miall, MD*,5, David Cunningham, MD*,6, John Davies, MD*,7, Jan Walewski8, A. Burhan Ferhanoglu, MD9, Ken Bradstock, MB, PhD10 and David C Linch, MD, FMedSci*,11

Institution/en:

1 Haematology, University College London Hospitals, London, United Kingdom; 2 MRC Clinic, London, England; 3 Cancer Research UK & UCL Cancer Trials Centre, London, United Kingdom; 4 Haematology, Kent and Cantebury Hospital, Cantebury, United Kingdom; 5 Leicester Royal Infirmary, Leicester, United Kingdom; 6 Royal Marsden Hospital, London, United Kingdom; 7 Haematology, Western General Hospital, Edinburgh; 8 Department of Lymphoproliferative Diseases, Maria Sklodowska-Curie Memorial Institute and Cancer Center, Warsaw, Poland; 9 Nispetiye Mahallesi, Istanbul, Turkey; 10 Haematology, Westmead Hospital, Sydney, Australia; 11 Haematology, University College London, London, United Kingdom

Zusammenfassung des Berichts

Die primäre Rituximab-Therapie asymptomatischer Patienten mit follikulärem Lymphom verzögert die Zeit bis zur Chemotherapie signifikant.

Bericht über die Inhalte der Studie

Begründung, Rationale

Rationale der Studie ist, durch eine sofortige milde nebenwirkungsarme Antikörper-Therapie bei Patienten mit follikulärem Lymphom die Notwendigkeit einer nebenwirkungsreichen Chemotherapie oder Bestrahlung zu verzögern.

Fragestellung der Studie

Der primäre Endpunkt der Studie ist die Zeit bis zur Initiierung einer Chemotherapie oder Bestrahlung nach Diagnosestellung. Statistisch war die Studie auslegt, eine Verbesserung des primären Endpunktes um 18 Monate durch eine sofortige Rituximab-Therapie im Vergleich zur Beobachtung zu erzielen.

Art der Studie

Randomisiert, Phase III, multizentrisch

Behandlung, Protokolle, Durchführung bzw. Methode

Patienten wurden 1:1:1 zwischen dem "Watch-and-wait"-Arm (Standardarm) (Arm A) oder einer Rituximab-Induktion 375 mg/m2 4-wöchentlich - Arm B) oder einer Rituximab-Induktion (375 mg/m2 4-wöchentlich) gefolgt von einer Rituximab Erhaltung (375 mg/m2 alle 2 Monate über 2 Jahre - Arm C) randomisiert.
95% der Patienten hatten eine niedrige Tumorlast, das mediane Alter betrug 60 Jahre. Gemäß des Risikoprofils waren 74% der Patienten in den FLIPI-Risikogruppen 0-2.
Arm B wurde nach Bekanntwerden der Effektivität einer Rituximab-Erhaltung frühzeitig geschlossen.

Ergebnisse, Toxizität

Nach Beendigung der Rituximab-Erhaltungstherapie (Monat 25) zeigten 8% der Patienten in Arm A spontane Remissionen gegenüber 79% Remissionen im Arm C (CR/CRu (="complete/unconfirmed complete remission") Arm A 4% versus 70% im Arm C).
Nach einem medianen Follow-up von 32 Monaten hatten 44% im Arm und 10% im Arm C eine Chemotherapie oder Bestrahlung begonnen (88% Chemotherapie +/- Rituximab, 10% Bestrahlung). Der primäre Endpunkt, die Zeit bis zur Beginn einer Chemotherapie/Bestrahlung, wurde signifikant durch eine Rituximab-Therapie verlängert. Nach 3 Jahren brauchten 48% im Arm A keine neue Therapie, 91% im Arm C. Eine Rituximab-Therapie verlängerte ebenfalls signifikant das progressionsfreie Überleben, aber nicht das Gesamtüberleben.

Schlussfolgerung der Autoren aus der Publikation

Nach Ansicht der Autoren belegen die Daten die Attraktivität einer sofortigen Rituximab-Monotherapie bei Patienten mit fortgeschrittenem follikulären Lymphom, auch wenn die Patienten keine lymphombedingten Symptome aufweisen. Die Autoren schlussfolgern, dass diese Therapie möglicherweise ein neuer Therapiestandard werden könnte.

Kommentar / Beurteilung

Eine sofortige Therapie mit Rituximab bei symptomfreien Patienten mit fortgeschrittenem follikulärem Lymphom wäre in der Tat sehr attraktiv, wenn a) diese Therapie das Gesamtüberleben der Patienten und/oder b) die Lebensqualität der betroffenen Patienten signifikant verbessert würde.
Leider ist das Follow-up der Studie zu kurz, um Aussagen über das Überleben zu treffen. Daten zur Lebensqualität wurden auf dem ASH-Vortrag nicht präsentiert. Der primäre Parameter der Studie "Zeit bis zur Einleitung einer Chemotherapie/Bestrahlung" ist zudem sehr subjektiven Einschätzungen unterworfen und somit ein sehr "weicher" Endpunkt. Obwohl die Zeit bis zur Therapieeinleitung signifikant durch eine sofortige Rituximab-Therapie verlängert wurde, wäre dies kein zwingender Grund, außerhalb von Studien diesem Konzept zu folgen, solange die Patienten nicht durch Verbesserung der Lebensqualität oder Gesamtüberleben profitieren.
Ein weiterer Aspekt ist, dass die Patienten im Rituximab-Arm, aber auch die Patienten in dem Beobachtungsarm, bei Therapiebedürftigkeit direkt einer Chemotherapie/Bestrahlung zugeführt wurden. Es ist aber durchaus denkbar, dass insbesondere die Patienten im Beobachtungsarm bei erster Therapiebedürftigkeit von einer alleinigen Rituximab-Therapie profitiert hätten, somit gar keine Chemotherapie benötigen würden. Weiterhin fehlen momentan Daten, ob eine sofortige Rituximab-Therapie im Vergleich zu einer zunächst abwartenden Haltung möglicherweise einen negativen Einfluss hat auf a) die Ansprechrate und Ansprechdauer auf die nachfolgende Chemotherapie (plus/minus Rituximab), b) auf das Ansprechen nachfolgender Therapien, c) auf die Rate sekundärer Transformationen, d) auf die Anzahl Rituximab-refraktärer Erkrankungen etc.

Zusammengefasst handelt es sich sicher um eine interessante Studie, die eine wichtige Frage aufgreift (ist "watch and wait" noch Standard in der der Rituximab-Ära?), die aber von der Qualität der Daten präliminär ist und auch hinsichtlich des Studienkonzeptes Fragen aufwirft. In dieser Hinsicht ist es nur schwer zu rechtfertigen, unseren derzeitigen Standard einer "Watch-and-wait"-Strategie bei nicht therapiebedürftigen Patienten mit fortgeschrittenem follikulärem Lymphom aufzugeben.


Autor des Berichts:

Prof. Dr. med. Christian Buske

Institution:

Comprehensive Cancer Center Ulm (CCCU) und Klinik für Innere Medizin III, Universitätsklinikum Ulm, Albert-Einstein-Allee 23, 89081 Ulm

Letzte Änderung:

17.12.2010



Ergänzende Literaturreferenz/en:

  • Ardeshna KM, Smith P, Norton A, Hancock BW, Hoskin PJ, MacLennan KA, Marcus RE, Jelliffe A, Vaughan G, Hudson, Linch DC; British National Lymphoma Investigation.
    Long-term effect of a watch and wait policy versus immediate systemic treatment for asymptomatic advanced-stage non-Hodgkin lymphoma: a randomised controlled trial.
    Lancet. 2003 Aug 16;362(9383):516-22. PMID:12932382
    [Medline]