Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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Multiples Myelom: 1.2 Geschichte

Autor/en: Dietrich Peest
Letzte Änderung: 30.06.2011

Die ersten bekannten wissenschaftlichen Berichte über Patienten, die an einem MM erkrankt waren, stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts [Kyle 2000]. So schilderte Dr. Samuel Solly 1844 die Krankengeschichte einer 39-jährigen Patientin (Sarah Newbury) und illustrierte die Befunde, die bei der Autopsie erhoben wurden, mit Zeichnungen von osteolytisch destruierenden Knochenveränderungen. Er beschrieb ovaläre Zellen, die unter dem Mikroskop im pathologischen Knochenmarkmaterial zu erkennen waren und deren Kerne ein oder zwei Nukleolen aufwiesen. Ein anderer Fallbericht wurde von Dr. Macintyre und Dr. Watson aus London überliefert. Sie schickten 1845 eine Probe eines Urins, der eine hohe spezifische Dichte hatte und von einem 45-jährigen Patienten (Thomas Alexander McBean) stammte, zur Analyse an Dr. Henri Bence Jones. Im Begleitschreiben wurden die Symptome des Patienten und der Krankheitsverlauf detailliert und charakteristisch für ein MM geschildert. Im Jahr 1846 berichtete J. F. Heller über eine Substanz in pathologischem Urin, die bei Erwärmung auf etwas mehr als 56 Grad C ausfiel und sich bei stärkerer Erhitzung wieder auflöste. Henri Bence Jones erkannte 1847 die diagnostische Bedeutung dieses Nachweises für die Knochenerkrankung, deshalb wurden die im Urin ausgeschiedenen monoklonalen Immunglobulin-Leichtketten später nach ihm benannt und als Bence-Jones-Proteine bezeichnet [Kyle 2001]. Dr. von Rustizky prägte 1873 den Begriff "multiples Myelom", nachdem er bei der Autopsie eines Patienten 8 Knochenmarktumoren unterschiedlicher Lokalisation vorfand. Otto Kahler veröffentlichte 1889 einen Artikel in der Prager Medizinischen Wochenschrift zur Symptomatologie des multiplen Myeloms, der die heute nicht mehr gebräuchliche Krankheitsbezeichnung "Morbus Kahler" begründet hat. Waldeyer hatte 1875 den Begriff "Plasmazelle" eingeführt, wobei inzwischen nicht mehr ganz klar ist, welcher Zelltyp damals wirklich gemeint war. Eine genaue Beschreibung der wesentlichen morphologischen Charakteristika der Plasmazellen (geblocktes Kernchromatin, exzentrischer Kern, perinukleärer Hof, sphärisches Zytoplasma) wurde letztendlich 1895 von Marschalko veröffentlicht.

Wenige Jahre nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen um die Jahrhundertwende wurde deren Bedeutung für die Diagnostik des MM erkannt, erste Knochenaufnahmen wurden angefertigt. Im Jahr 1937 gelang es Tiselius mit der Elektrophoresetechnik die Globuline im Serum in drei Fraktionen (α, β und γ) aufzutrennen; 1939 konnte er zusammen mit Kabat die Antikörperaktivität in der γ-Globulinfraktion lokalisieren [Tiselius, Kabat 1939]. Im gleichen Jahr wurde die Elektrophorese als hilfreiche Methode zur Diagnostik des MM beschrieben [Longsworth, Shedlovsky, MacInnes 1939].

Die erste erfolgreiche Chemotherapie des MM wurde 1958 von einer russischen Arbeitsgruppe mit der Verabreichung von Sarcolysin (Melphalan) beschrieben [Blokhin et al. 1958]. Im Jahr 1962 fanden Bergsagel et al. mit L-Phenylalanin-Mustard (ebenfalls Melphalan) Krankheitsverbesserungen bei 8 von 24 Patienten [Bergsagel et al. 1962]. Die noch heute verwendete Kombination aus Melphalan und Prednisolon wurde erstmalig 1969 publiziert [Alexanian et al. 1969]. In den nachfolgenden Jahren wurde vergeblich versucht, die Ergebnisse der Behandlung mit Melphalan und Prednisolon durch Polychemotherapie zu verbessern [Myeloma Trialists’ Collaborative Group 1998]. Mellstedt et al. berichteten 1979 über die erfolgreiche Behandlung von 4 Patienten mit Interferon, das aus Kulturen humaner Leukozyten gewonnen wurde [Mellstedt et al. 1979]. Es folgte eine lange Reihe klinischer Untersuchungen, die sich mit dem Stellenwert von Interferon in der Behandlung des MM beschäftigten. Im Jahr 1982 erhielten die ersten MM-Patienten eine syngene Knochenmarktransplantation [Fefer et al. 1982] und bereits kurze Zeit später wurde damit begonnen, Patienten mit allogenen Transplantationen zu behandeln, bei denen Knochenmark von Geschwisterspendern übertragen wurde. McElwain und Powles beschrieben 1983 als erste eine Hochdosis-Chemotherapie mit Melphalan, die anfänglich noch ohne Unterstützung durch autologes Knochenmark oder autologe Blutstammzellen durchgeführt wurde [McElwain, Powles 1983]. Ende des 20. Jahrhunderts wurde entdeckt, dass Thalidomid zur Remissionsinduktion beim MM eingesetzt werden kann [Singhal et al. 1999]. Damit wurde ein neuer Abschnitt in der Therapie eingeleitet: Auf dem Boden neuer molekularer Erkenntnisse wurde begonnen, Medikamente mit neu definierten Wirkmechanismen zu entwickeln (Angiogenesehemmer, Immunmodulatoren, Proteasominhibitoren).

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